Chiang Mai – Siem Reap

mein Japan-Bericht, so wurde mir gesagt, besteht ja zur Hälfte aus Ansagen, wann ich wo wieviel Bier getrunken habe, das will ich diesmal ein wenig besser machen, deswegen gibt es jetzt mal einen kurzen Exkurs in die Geschichte Kambodschas. Als ich im Flieger sitze, fällt mir nämlich ein, dass ich einen Lonely Planet Kambodscha auf dem Kindle habe und ich nutze die Wartezeit, mich zu informieren.


Irgendwann gegen Ende des ersten Jahrtausends entsteht in der Region das Königreich Angkor, dessen Herrscher sich gut 600 Jahre halten, bis Mitte des 15. Jahrhunderts Thailändische Eroberer die Stadt Angkor einnehmen. Für die nächsten 250 Jahre geht das Land mehrmals zwischen den benachbarten mächtigen Reichen Thailand und Vietnam hin und her, bis im Jahre 1863 die Franzosen sich einmischen und Kambodscha langsam aber sicher zu einer de facto Kolonie machen. Mit Frankreich als Schutzmacht sind die gebeutelten Kambodschaner zwar sicher vor Übergriffen seitens Thailand und Vietnam, werden aber nach Ende des zweiten Weltkrieges zwangsläufig in den französischen Indochina-Konflikt hineingezogen.

Dazu gärt es im Untergrund, nicht so sehr gegen den von den Franzosen eingesetzten König Sihanouk, der bei großen Teilen der Bevölkerung gottähnlichen Status hat, als gegen die überaus korrupte Regierung und gegen die französische Fremdherrschaft. Als aktivste und erfolgreichste Widerstandsgruppe erweisen sich die Khmer Rouge, eine Marxistische, später Maoistische Truppe, unter anderem angeführt von einem gewissen Saloth Sar, der sich später den Namen Pol Pot gibt. Der Indochina-Konflikt mündet schliesslich in den Vietnamkrieg, in dessen Verlauf Kambodscha als Rückzugsort und Nachschubbasis für Vietcong-Truppen dient. Die USA reagiert darauf, wie die USA eben immer reagiert, mit Gewalt. Es folgt ein Flächenbombardement, in dessen Verlauf US-Flieger über Kambodscha mehr Bomben abwerfen, als alle teilnehmenden Mächte im kompletten zweiten Weltkrieg zusammen.

Dass dies die Niederlage der USA im Vietnamkrieg nicht verhindert ist bekannt, man treibt allerdings unzählige durch die Bombardements obdach- und mittellos gewordene Kambodschaner in die offenen Arme der Roten Khmer, die dabei sind, die Macht zu übernehmen. Und so marschieren, zwei Wochen vor dem Fall von Saigon, Pol Pot und seine Männer in Phnom Penh ein und starten eine Umstrukturierung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Will heissen, sie veranstalten ein Blutbad, wie es die die Welt noch nicht gesehen hat.

Der Staat soll, wieso auch immer, in eine vorindustrielle, autarke Agrargesellschaft verwandelt werden und so werden innerhalb weniger Wochen sämtliche ausländischen Verbindungen gekappt und die gesamte (!) Stadtbevölkerung, mehrere Millionen Menschen, aufs Land vertrieben und gezwungen, 12 bis 15 Stunden täglich auf den Feldern zu schuften. Wie sich das für eine ordentliche Revolution gehört, muss man sich dann natürlich nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren Feinde entledigen. Es folgt eine Säuberungsaktion, die Stalin und Mao blass aussehen lässt und die andauert, so lange die Roten Khmer die Macht in ihren Händen halten.

Diese Herrschaft dauert nur knappe 4 Jahre und endet mit der vietnamesischen Invasion in 1978, während dieser Zeit werden aber, je nach Schätzung, zwischen 1 und 3 Millionen Kambodschaner auf den sog. Killing Fields, einer Anzahl von über das Land verteilten Tötungs-Einrichtungen, ermordet. Und auch nach den Roten Khmer kommt das Land nicht zur Ruhe, wird von einer gigantischen Hungerkatastrophe getroffen, die Idee mit der Argarisierung des Landes hat nicht so funktioniert. Mit Vietnam als Schutzmacht ist Kambodscha ein Spielball im kalten Krieg und wird dazu von einem andauernden Bürgerkrieg zerfressen. Das Leid endet erst allmählich, als nach Zusammenbruch des Ostblocks die Vietnamesen abziehen und 1990 ein Friedensplan der UN angenommen wird und im Mai 1993 erstmals demokratische Wahlen abgehalten werden.

Seitdem erholt sich das Land, bis das Trauma Killing Fields überwunden ist, wird es sicher noch einige Generationen dauern, ob es jemals gelingt, die unzähligen Landminen, die sowohl entlang der Grenzen, als auch im Inneren des Landes verteilt sind, zu beseitigen, weiss niemand.


Soviel zur Geschichte des Landes und dem intellektuellen Anspruch des Blogs. Die Anreise verläuft problemlos, ich steige ins bestellte Taxi und verlasse das verregnete Chiang Mai am Vormittag, habe eine gute Stunde Aufenthalt in Bangkok und lande schliesslich gegen 15:45h in Siem Reap, wo (Hurra!) die Sonne scheint und ich zuallererst mal ein Bier trinke.

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